KeepCalm

Keep Calm And Love Life
Bildquelle: Pinterest

Ich habe euch gestern bereits auf Facebook den wunderbaren Artikel Utopie? Nennt mich naiv. #keineangst von Inka verlinkt, die auf Blickgewinkelt bloggt. Und ich habe eben den tollen Beitrag Liebe in Zeiten des Terrors von Hopskuller gelesen. Und ich bin froh, dass ich mit meinen Ansichten nicht alleine bin.

Obwohl ich selbst nicht „extra“ was schreiben wollte, ist es mir jetzt doch ein Bedürfnis. Allerdings will ich nichts zum aktuellen Weltgeschehen sagen oder den schlimmen Ereignissen, die in den letzten Tagen, Wochen, Monaten passiert sind, sondern etwas zum Umgang mit den Medien im Allgemeinen und dem Internet im Speziellen.

Warum?
Weil ich es erschreckend finde, wie viele Menschen derzeit mit der Verbreitung von Nachrichten umgehen. Und das kotzt mich an.

Im Moment hat man das Gefühl, dass sich die Welt immer schneller dreht und womöglich bald aus ihrer Umlaufbahn im Sonnensystem kreiselt, wenn das so weitergeht. Man fragt sich wo das alles hinführen soll. Wo auf einmal die vielen Verrückten herkommen, die um sich schießen, die Machete schwingen oder andere Dinge tun, die ein „normaler“ Mensch nicht nachvollziehen kann.
Aber ist es wirklich so?

Ist die Welt um uns herum tatsächlich schlechter geworden?

Die Frage lässt sich natürlich nicht pauschal beantworten und dass unsere Welt mit 7,x Milliarden Menschen ein ziemlich komplexer Ort ist versteht sich von selbst.
Trotzdem glaube ich, dass es sich derzeit viele zu einfach machen. Wenn man einen Blick in die Sozialen Medien wirft, dann hat man fast stündlich den Eindruck, dass die Apokalypse unmittelbar bevorsteht. Dass der dritte Weltkrieg in 10 Minuten losbricht und wir besser schnell die Stahlhelme aufsetzen.

In diesem Zusammenhang werden auch gerne „einfache“ Lösungen angeboten, da ist für jeden etwas dabei: Lockerere Waffengesetze, den Islam verbieten, alle Ausländer des Landes verweisen, Bürgerwehren gründen, … Die Liste ließe sich beinahe beliebig fortsetzen, würde ich mehr Zeit investieren und die sozialen Kanäle noch gründlicher durchkämmen. Will ich aber nicht.
Warum?
Weil diese vermeintlichen Lösungen in einer komplexen Welt zu kurz gegriffen sind.

Hätten wir lockerere Waffengesetze, wären in München wahrscheinlich deutlich mehr Menschen zu Schaden gekommen. Wie ich darauf komme? Wer die Polizeiberichte verfolgt hat, wird wissen wie viele Anrufe bei der Münchner Polizei eingegangen sind, weil vermeintlich verdächtige Personen gesehen wurden. Wie wir inzwischen wissen, hatten all diese vermeintlich Verdächtigen nichts mit dem Amoklauf zu tun. Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen in ihrer Panik einen lockeren Finger am Abzug gehabt hätten, hätten wir hier lockerere Waffengesetze.
Ja, das ist reine Spekulation, denn zum Glück ist es in Deutschland nicht wie in Amerika und zum Glück hat nicht jeder eine Waffe daheim. Und das ist gut so.
Im Übrigen gab es in den USA 2015 353 Schießereien, mit 462 Toten und 1.312 Verletzten (Quelle: stern).
Und wer sich gern Statistiken zuwendet, der kann auch mal hier schauen, wie viele Vorfälle mit Schusswaffen es in den USA so gibt. Achtung, Spoiler: Ziemlich viele und es gibt fast keinen Tag ohne Schießerei.
Und jetzt denken wir nochmal alle darüber nach, ob es wirklich hilfreich ist, wenn jeder Dödel im Baumarkt eine Knarre kaufen kann.

Ansonsten… Religionen verbieten, bestimmte Bevölkerungsgruppen des Landes verweisen – joa. Das klingt alles einfach, genauso wie gerne gesagt wird, dass Deutschland niemals so viele Flüchtlinge hätte aufnehmen dürfen. So etwas sagt sich vor allem immer dann leicht, wenn man nicht in die Verlegenheit kommt solche Entscheidungen fällen zu müssen. Mal im Ernst: Ich möchte mit Frau Merkel nicht tauschen. Wobei man an der Stelle wohl auch erwähnen sollte, dass sie solche Entscheidungen sicher nicht allein trifft, wohl aber „allein“ die Prügel einstecken darf. Wie bereits erwähnt: Die Welt ist komplex und irgendwie ist das auch etwas Schönes, aber das heißt auch, dass es kaum mehr einfache Lösungen für Probleme gibt, die über den Tellerrand hinausragen.

Zurück zum Thema Medien

Was mich momentan besonders nervt ist, dass wegen jeder Meldung alle Kanäle heiß laufen. Wenn man nur ansatzweise verfolgt hat, was während dem Vorfall in München alles getwittert wurde (und das war nur auf Twitter!), dann fällt einem nicht mehr viel dazu ein. Was geht in Menschen vor, die über die Faktenlage nicht Bescheid wissen und dennoch jedes Gerücht retweeten?

Die Polizei in München hatte jede Menge damit zu tun Hinweise auszuwerten und zu verifizieren, ob wirklich auch an anderen Orten der Stadt etwas los ist oder eben nicht. Hätte man nur Twitter als Informationsquelle, dann hätte man in den ersten Minuten/Stunden davon ausgehen müssen, dass an mindestens 5-6 Locations Amokläufer unterwegs sind. Wie wir inzwischen wissen hat sich nichts davon bewahrheitet. Zum Glück. Aber trotzdem: Wtf?! Warum postet man sowas? Warum retweetet man jeden Scheiß, ganz egal ob Fakt oder Gerücht? Ich verstehe es nicht.

Ich will damit nicht sagen, dass es insgesamt schlecht ist, dass über Twitter Informationen verbreitet werden. Ganz im Gegenteil: Bei solchen Ereignissen sieht man auch die positiven Seiten der sozialen Medien.
Es wurde schnell die Hotline für Angehörige verbreitet. Unter dem Hashtag #offeneTuer wurde vielen Menschen eine kurzfristige Bleibe angeboten, als die Stadt abgeriegelt war und niemand mehr von A nach B (geschweigedenn nach Hause) kam. Das sind tolle und hilfreiche Informationen!
Wer aber Gerüchte und Falschmeldungen verbreitet, der tritt eine Lawine los, die sich nicht mehr aufhalten lässt. Denn auch wenn diese Informationen sich später als Enten herausstellen, werden die falschen Meldungen immer weiter verbreitet und weiter und weiter. Genauso bescheuert ist es übrigens, wenn man Twitter mit Katzenfotos vollmüllt, weil es einige Idioten gibt, die Fotos/Videos/Streams vom Tatort/Opfern/Tätern ins Netz stellen. Schonmal daran gedacht, dass es ziemlich kacke ist, wenn das Datenvolumen abkackt, weil auf Twitter lauter Katzenbilder runternudeln? Das ist bestimmt hilfreich, wenn man in einer Notsituation ist und eine schnelle Info oder #offeneTuer sucht. Mann, ey. Das ist genauso Banane, wie die Arbeit der Polizei zu behindern, wenn man „Live Fotos“ ins Netz knallt. Das hat nichts mit Vertuschung zu tun, sondern damit, dass man die Profis die Ermittlungsarbeit machen lassen sollte.

Die Sau durch’s virtuelle Dorf treiben

Derzeit wird jede Sau durch’s virtuelle Dorf getrieben und noch dazu in einem Affenzahn. Egal wann man Twitter oder Facebook öffnet oder eine Push Nachricht einer Nachrichten-App auf dem Handydisplay erscheint: eine Horrornachricht jagt die nächste. Geiselnahme hier, Macheten dort, Amokläufe, Rucksäcke, Gewalt, Sodom und Gomorra. Über die positiven Dinge? Wird fast gar nicht mehr berichtet.

Das Ozonloch repariert sich, die durschnittliche Lebenserwartung ist seit 1990 um 6 Jahre gestiegen, eine vielversprechende Behandlung für Erkrankungen durch Verstrahlung wird entwickelt, und das sind nur drei große Dinge, die Google bei einem superschnellen Check ausgespuckt hat. Es gibt ganz gewiss noch sehr viel mehr positive Nachrichten, die zwischen all den anderen Meldungen schlichtweg absaufen.

Bevor es nun wieder einige gewollt in den falschen Hals kriegen: Das heißt nicht, dass man über negative Ereignisse nicht mehr berichten soll. Allerdings wäre es ein guter Kompromiss, wenn die Medien und auch wir alle, erst irgendwelche Nachrichten veröffentlichen, wenn die Faktenlage geklärt ist. Einfach, weil man das so macht und weil seriöse Journalisten das sowieso machen sollten. „Früher“ wurde die BILD-Zeitung immer belächelt, als Schmierblatt bezeichnet, weil aus allem eine blutrünstige Story gemacht wurde, teils mit schlecht recherchierten Fakten oder Halbwahrheiten. In den letzten Wochen könnte man fast meinen, dass die anderen Zeitungen (und auch die Fernsehsender) gleichgezogen haben. Jeder Sender will die erste Live-Schalte haben (auch dann, wenn es noch gar nichts zu berichten gibt, Stichwort Fakten), jede Zeitung will die meisten Klicks und den Traffic auf die eigene Seite ziehen.

Es häufen sich gefühlt die Meldungen über Straftaten, die noch vor ein paar Wochen gar keine Erwähnung in der breiten Öffentlichkeit gefunden hätten. Beziehungstaten, Amokläufe, Terrorismus – alles wird in einen Topf geworfen und vermischt. Man hat das Gefühl, dass „da draußen“ nur noch Verrückte rumlaufen und die ganze Welt schlecht ist. Kein Wunder, man hört ja auch fast nichts anderes mehr.

Aber ist 2016 wirklich schlimmer als die Vorjahre?

Es gab die RAF, die NSU. 2001 gab es die Anschläge in den USA, 2006 wurde während der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland jemand festgenommen, der eine Bombe in einem Zug deponieren wollte (Stichwort Ballack Trikot, vielleicht erinnert ihr euch). 2007 wurde die Sauerland-Gruppe von einer Spezialeinheit überführt, 2009 Amoklauf in Winnenden, 2010 in Lörrach, 2011 werden am Frankfurter Flughafen amerikanische Soldaten erschossen. Von weiteren Taten mal abgesehen, wo auf Eigentümerversammlungen Menschen erschossen werden (in Heidelberg), irgendwelche Arschlöcher Kinder klauen, Krankenpfleger alte Menschen umbringen, oder, oder, oder.

All das sind Meldungen, die mal mehr, mal weniger groß durch die Medien gegangen sind.
Und trotzdem kommt uns 2016 besonders fies vor.

Ja, all die Ereignisse sind schlimm. Ja, Paris im vergangenen Winter war ähnlich schockierend wie 9/11. Ja, es gibt Probleme zwischen Religionen, Bevölkerungsgruppen, Ländern – zwischen Menschen. Und ja verdammt, diese Probleme kann man nicht einfach ausblenden und so tun als existierten sie nicht.
Aber die Antwort darauf kann doch nicht sein, dass jetzt alles durch die Nachrichtenkanäle gepeitscht wird, bis wir vor lauter Reiz- und Informationsüberflutung gar nicht mehr wissen, wo wir noch hinsehen sollen und überall nur noch Panik herrscht.

Ich bin weder gegen Berichterstattung noch gegen soziale Netzwerke. Ich bin auch nicht dafür, Probleme zu ignorieren oder die Realität zu verweigern.
Aber ich dagegen, wenn man sich die Antworten zu einfach macht. Wenn man undifferenziert und unreflektiert diskutiert. Es gibt aktuell viele Probleme, in Deutschland, in Europa, anderswo. Und man darf auch keinesfalls verharmlosen, dass es Menschen gibt, die anderen Schaden zufügen wollen.
Aber bitte: Lasst uns nicht so tun, als sei die Welt vor 2016 ein friedlicher Ort gewesen.

Was soll man nun also tun? Eine Frage, auf die ich keine allgemeingültige Antwort habe.
Die Presse? Kann ich nicht beeinflussen.
Die Menschen in sozialen Medien? Kann ich nicht beeinflussen.
Meinen eigenen Konsum? Kann ich beeinflussen.
Bis sich die Journalisten wieder darauf besinnen seriöse Berichte zu erstatten und sich die allgemeine Hysterie im Internet (ob es sie „da draußen“ gibt, weiß ich nicht) ein wenig gelegt hat, werde ich meinen Konsum dieser Medien etwas einschränken. Nicht, weil ich die Realität nicht sehen möchte, sondern weil es mir momentan zuviel von allem ist.

Und bevor nun jemand kommt und meint Die Leute sind nur so lange positiv eingestellt, bis es sie selbst erwischt!, dem sei gesagt: Hast ja recht.
Klar ist es immer etwas anderes, wenn man selbst direkt betroffen ist. Es gibt auch Menschen unter 30, die an einem Hirntumor erkranken, obwohl die Wahrscheinlichkeit bei 3,9:100.000 liegt. Trotzdem findet derjenige, der betroffen ist, dass das scheiße ist.
Positives Beispiel: Die Chance den Lotto-Jackpot abzuräumen liegt bei 1:140.000.000. Und trotzdem spielen unendlich viele Menschen jede Woche auf’s Neue. Und ab und an gibt es auch einen glücklichen Gewinner.

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Written by Laura

liebt es in der Küche herumzuwurschteln, ganz besonders wenn es ums Backen geht.

Glutenfrei seit Januar 2014, laktose- und weizenfrei seit September 2010.