Westworld: Violent Ends, Staffel 1 Episode 10

Westworld Season 1 Finale

Westworld: Staffel 1, Episode 10 „Violent Ends“ – Evan Rachel Wood, James Marsden, and Anthony Hopkins in “Westworld”. PHOTOGRAPH BY JOHN P. JOHNSON / HBO

Ich habe es meiner wunderbaren Filterbubble auf Twitter zu verdanken, dass die Serie Westworld nicht an mir vorbeigegangen ist. I love you!

Obwohl der Hype in den USA gerade unfassbar groß ist (Westworld hat sogar die Quotenrekorde von Game of Thrones übertroffen), hat man hierzulande noch nicht allzu viel von der Serie gehört, was vielleicht auch daran liegen mag, dass die deutsche Synchro erst im Frühjahr 2017 rauskommen wird.

Da wir glückliche Besitzer von Sky Atlantic sind, kamen wir jetzt schon in den Genuss Westworld in der Originalfassung zu sehen. Einen Tag nach US-Release war die aktuelle Folge bereits zu sehen, was ich schon bei Game of Thrones extrem lässig fand. Nur einen Tag Spießroutenlauf im Internet, um nicht gespoilert zu werden, yay!

Nun aber zu Westworld. Die erste Staffel hat mich so begeistert, dass ich einfach nicht nicht darüber schreiben kann.

Worum geht es in Westworld?

Grob gesagt dreht sich die Story in Westworld um einen Vergnügungspark in der Zukunft. In diesem Park (Westworld, surprise!) leben sogenannte Hosts: Androide, die kaum mehr von echten Menschen zu unterscheiden sind. Die künstlichen Intelligenzen leben in einem Setting des Wilden Westens, ohne zu wissen, dass ihre einzige Aufgabe darin besteht die Besucher des Parks zu bespaßen.

Die Menschen der Zukunft können ihre Ferien in Westworld verbringen und in die raue Welt des Wilden Westens eintauchen. Wir reden hier aber nicht von einem Vergnügungspark mit Achterbahn und Popcorn, sondern vom gefühlt echten Wilden Westen mit Revolvern, Pferdemist und Alkohol.
Jeder Besucher kann nach Lust und Laune agieren, Hosts erschießen, vögeln oder ignorieren. Im Gegenzug können die Hosts die Besucher nicht verletzen, weil ihre Waffen gegenüber echten Menschen nutzlos sind.

Jedes Mal, wenn ein Host stirbt, wird er von einem Westworld Mitarbeiterteam wieder zusammengeflickt und danach erneut zurück in den Park geschickt. Die Hosts erleben jeden Tag eine Art Softreset, bei dem ihre Erinnerungen an die vorherigen Ereignisse gelöscht werden. Was bleibt, ist die einprogrammierte Storyline, der die Hosts mehr oder weniger genau Folge leisten. Der Park ist ein Millionengeschäft. Oder Milliarden? So oder so, es ist eine Gelddruckmaschine.

Jeder, der schon einmal Filme gesehen hat, in denen A.I.s vorkommen, ahnt vermutlich anhand der kurzen Beschreibung schon, worum es in der Serie Westworld gehen wird:
Die Hosts erlangen ein Bewusstsein dafür, dass sie keine Menschen sind und es droht die Revolution der Maschinen.
Globalgalaktisch beschäftigt eine zentrale Frage die Serie: Was unterscheidet die Hosts von Menschen? Wie definieren wir Ich-Bewusstsein und Menschlichkeit?

Die Neugier war der Katze Tod: Wenn ihr Westworld noch nicht gesehen habt, dann solltet ihr an dieser Stelle aufhören zu lesen – es sei denn, ihr wollt die Serie nicht schauen, aber dann gibt es ohnehin keinen Grund weiterzulesen.

Spoiler - hier nicht weiterlesen, wenn ihr noch nicht so weit geschaut habt

Da wir erst relativ spät in die Serie eingestiegen sind (zu dem Zeitpunkt waren bereits 6 oder 7 Folgen in den USA ausgestrahlt), habe ich mich von allen Reviews und Fantheorien ferngehalten, um mir den Spaß an Westworld nicht zu verderben.
Die Serie enthält viele Mystery-Elemente, die mich ein bisschen an LOST* erinnert haben – jeder weiß, wie ätzend Spoiler sind, wenn man noch nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge ist und man sich die Überraschungseffekte versaut. Also verzeiht mir, wenn ihr an der ein oder anderen Stelle sagt Das habe ich schon in Episode 2 gerochen, weil ich es auf reddit gelesen hatte! – ich hatte während des Schauens keinen Input von außen (abgesehen vom Liebsten, der natürlich seine eigenen Gedankengänge hat).

Nachdem am Montag das Seasonfinale auf Sky zu sehen war, versuche ich mich heute an einem Gedanken-Potpourri, das sich auf das Finale bezieht, ohne die staffelübergreifenden Zusammenhänge außer acht zu lassen.

The Maze

Über die gesamte Staffel hinweg wurden wir immer wieder mit dem Symbol eines Labyrinths konfrontiert, das wir bis zum Finale nicht zweifelsfrei zuordnen konnten.

Einige Zeit sind wir davon ausgegangen, dass the center of the maze, also der Mittelpunkt des Labyrinths, ein bestimmter Ort im Westworld Park ist, den die Hosts finden müssen, um Antworten über sich selbst und ihre Erschaffer zu erhalten.
Im Staffelfinale stellt sich heraus, dass es sich bei dem Labyrinth keineswegs um einen physikalischen Ort handelt, sondern Arnold (einer der beiden Erschaffer der Hosts) die Reise durch einen Irrgarten als Reise zu sich selbst gesehen hat. The maze ist kein realer Ort, sondern Arnolds Symbol für die Selbstfindung, die man im Laufe seines Lebens bewältigen muss.

Auch wenn im Verlauf der Serie immer wieder von den Hosts betont wird, dass the maze nicht für die Besucher, also die Menschen, bestimmt ist, glaube ich, dass der Subtext dennoch lautet, dass jeder auf der Suche nach sich selbst ist – ganz gleich ob Mensch oder Host. Gewissermaßen unterscheiden sich Menschen und Hosts in dieser Hinsicht nicht voneinander: Jeder in Westworld will herausfinden, wer er wirklich ist.

The Maze ist laut griechischem Mythos nicht nur die Reise zum Mittelpunkt des Labyrinths, sondern vielmehr die Expedition zurück. Der Mittelpunkt ist nicht die finale Destination, sondern im Gegenteil eher der gefährlichste Ort, weil dort der Minotaurus lebt – und dem sind schließlich die meisten zum Opfer gefallen, die sich in sein Labyrinth gewagt haben. Das Zentrum ist also nur eine Zwischenstation, um den Ausgang aus dem Irrgarten zu finden.
Arnold sagte Consciousness isn’t a journey upward, but inward. Prinzipiell hat er damit recht, aber lässt außer acht, dass man nicht nur sich selbst im Zentrum des Labyrinths findet, sondern auch entscheiden muss, ob man mit dem Ergebnis leben will, das man dort vorfindet.

William und das Labyrinth

In Hinsicht auf die Menschen im Park fällt mir die Doppeldeutigkeit des Satzes The maze isn’t meant for you. auf, wenn man Williams Story betrachtet.
Viele Theorien ranken sich darum, dass das Labyrinth ausschließlich für die Hosts sei, weil sie nur durch das Erreichen des Zentrums ihre wahre Identität erkennen können. Das stimmt mit Sicherheit in den weitesten Teilen, aber Williams Geschichte zeigt mindestens genauso deutlich auf, dass auch jeder Mensch in seinem eigenen Labyrinth umherirrt.

William erzählt Dolores, dass er nach ihr gesucht hat, aber auf dieser Expedition „nur“ sich selbst gefunden hat. Könnte man also meinen, dass er damit den Mittelpunkt seines eigenen Irrgartens erreicht hat? Ich sage nein! Ich denke, dass William den ungeschönten Blick nach innen nicht ertragen kann, weil er sich selbst mehr hasst als jeden anderen Menschen. Er ist so verbittert und voller Hass, dass er nicht sehen will, was das Zentrum des Labyrinths für ihn bereithält.
Erinnert ihr euch, als William davon erzählt, wie er Maeve umgebracht hat, als Maeve noch die Frau auf der Farm mit Tochter war? Er sagte, er habe nichts gefühlt, als er beide getötet hat. Nichts. Kein Bedauern, keine Abscheu, kein Mitgefühl.

Arnold sagte The maze requires empathy and imagination. Empathie geht (dem alten) William vollkommen ab, wie er selbst gesagt und mehrfach bewiesen hat. Und auch die Vorstellungskraft fehlt ihm offenbar, wenn er nicht begreifen kann, dass das Labyrinth kein Ort, sondern ein Symbol ist. So lange er das nicht begreifen kann, is the maze not for him.

Ein Treppenwitz ist fast, dass es William ist, der in seiner persönlichen Westworld-Loop gefangen ist, während die Hosts es vermeintlich schaffen den Ausweg aus dem Labyrinth zu finden.

Dolores und das Labyrinth

Wir begleiten vor allem Dolores auf ihrem Selbstfindungstrip und sehen, dass sie am Ende das Labyrinth in Form eines Geduldspiels auf einem Friedhof ausgräbt.

Dem aufmerksamen Betrachter ist sicher nicht entgangen, dass es ihr eigenes Grab ist, in dem sie das Spielzeug findet. Die Symbolik dahinter erinnert mich ein bisschen an Game of Thrones, als Aegon zu Jon Snow sagt Kill the boy and let the man be born.
Auch Dolores muss ihr Leben als unwissender Host in Endlosschleife hinter sich lassen, um die neue Dolores zu werden – die Dolores, die ganz genau weiß, wer sie ist.

Die Veränderung des Labyrinths

Bis zum Staffelfinale hatten wir immer dasselbe Bild des Labyrinths: Ein runder Irrgarten, in dessen Mitte ein Männchen steht, das beide Arme nach oben streckt. Der Körper des Männchens bildet exakt das Zentrum des Kreises, aber durch die klassische Strichmännchen-Darstellung ist es nicht möglich in die Mitte des Labyrinths zu gelangen. Es ist wie ein Spiel, das die Hosts niemals gewinnen können – ein Rätsel, das nie dazu entworfen wurde, um gelöst zu werden.

Das Labyrinth im Staffelfinale sieht anders aus: Ein runder Irrgarten, in dessen Mitte ein Männchen steht, das einen Arm angewinkelt an seinen Kopf hält und damit den Weg ins Zentrum des Irrgartens freigibt. Das Männchen sieht in dieser Haltung beinahe so aus, als sei ihm etwas Wichtiges eingefallen.
Mit einem Mal ist das Rätsel lösbar, als könne das Männchen durch seine Erkenntnis sein wahres Ich endlich erreichen.

Die Spielregeln in Westworld sind also neu aufgestellt worden.

Maeve

Ich fange mit Maeve an, weil sie einer meiner liebsten Charaktere der Serie ist.

Wir lernen sie als taffe Puffmutti kennen, die zusammengefasst in einem Satz hart aber herzlich ist. Maeve ist ein starker Charakter und für den Wilden Westen eine ziemlich unabhängige Frau.

Bevor Maeve die Puffmutti-Rolle von den Storywritern aufgedrückt bekommen hat, lebte sie ein offenbar glückliches Leben auf einer Farm mitten im Nirgendwo – zusammen mit ihrer Tochter, die natürlich nicht wirklich ihre Tochter ist, sondern ebenfalls ein Host.

Maeve und William

Wie dem auch sei: Die Idylle wurde mit Sicherheit von dem ein oder anderen Besucher gestört, aber als (der alte) William auf Maeves Farm auftaucht, um sie und ihre Tochter umzubringen, ist der Einschnitt in Maeves Gefühlsleben so tief, dass sie nach einem Softreset eine neue Rolle zugewiesen bekommen muss.
Host hin oder her, Maeve hatte ganz offensichtlich echte Muttergefühle für das Mädchen und konnte nicht verkraften, dass der alte Mann sie grundlos vor ihren Augen erschossen hat.

Ist es nicht ironisch, dass William sagte, er habe währenddessen nichts gefühlt und Maeve fühlte im Gegenzug alles? Und das so folgenschwer, dass sie eine Art Nervenzusammenbruch hatte, der ihre Programmierung dauerhaft verändert hat? Dieses unendliche Leid war ihr Schlüsselerlebnis, um das Zentrum ihres persönlichen Labyrinths zu finden. Perfekt symbolisiert übrigens dadurch, dass sie mit ihrem toten Kind im Arm nach draußen läuft und beide zusammengekauert auf dem Acker sterben – in der Mitte eines eingepflügten Labyrinths.

Maeve und die Flucht

Maeve bemerkt und begreift an vielen Stellen der Story schneller als Dolores, wie die Zusammenhänge in Westworld sind und sie realisiert relativ schnell, dass ihr Tod im Park bedeutungslos ist, weil sie immer wiederbelebt wird. Ich fand es toll, ihr beim Zusammenfügen der Puzzleteile zuzusehen.

Am Ende gelingt es ihr über Umwege (ihr habt es ja alle gesehen, Felix ist definitiv der Mitarbeiter des Jahres!) ihre Flucht aus dem Park zu planen, um in die echte Welt zu gelangen – oder so glauben wir, und Maeve, wenigstens, bis wir erfahren, dass auch diese Entscheidungen nicht von ihr selbst getroffen wurden, sondern Teil einer neuen Storyline sind.
Wait, what? An manchen Stellen macht einem Westworld einen Knoten ins Hirn. Da weiß man als Zuschauer, wie sich die Hosts fühlen müssen.

Storyline oder freier Wille?

Es ist schwer zu sagen, wo eine Storyline aufhört und der freie Wille eines Hosts beginnt. Ganz offensichtlich hat jemand Maeves Rahmenhandlung verändert und ihre Flucht geplant. Auch wenn sie das nicht wahrhaben will, sehen wir es in ihrem Code schwarz auf weiß.
Was wir allerdings nicht wissen ist, wer ihre Geschichte umgeschrieben hat und welchen Ausgang der Autor vorgesehen hatte.
War es Ford, der Maeve als Baustein für seine letzte, große Story benutzt? Wahrscheinlich.
War es Bernard, der sich aufgrund eines Softresets vielleicht nicht mehr daran erinnern kann? Ziemlich unwahrscheinlich.
War es Charlotte, die möglicherweise auf diesem Weg Informationen aus dem Park schleusen wollte? Vielleicht, wobei sie in ihrer Überheblichkeit nicht clever genug für einen solchen Schachzug wirkt.

Wir fragen uns als Zuschauer natürlich, ob der Ausgang von Maeves Escape-Plan genau so gedacht war, wie sie ihn durchführt. Immerhin steigt sie am Ende wieder aus dem Zug aus, der sie in die Welt der Menschen gebracht hätte. Welchen Sinn hätte eine vorgefertigte Storyline, wenn Maeve zuerst einen aufwändigen Fluchtplan und dessen Durchführung verwirklichen muss, nur um dann doch in Westworld zu bleiben?

Ich denke, nein ich hoffe, dass es in letzter Konsequenz doch Maeves freier Wille war, den Zug zu verlassen und ihren Wunsch nach Freiheit einem anderen Verlangen unterzuordnen: ihre Tochter zu finden.
Als Maeve im Zug sitzt, sieht sie eine Mutter mit ihrer Tochter und man kann regelrecht von Maeves Gesicht ablesen, dass das Emotionen in ihr auslöst, die sie nicht kontrollieren kann.
Sie weiß auf der rationalen Ebene, dass das Kind aus ihrer Erinnerung niemals ihre Tochter war. Aber ihr Herz sagt etwas ganz anderes und so passiert etwas sehr menschliches: Ihr Herz überstimmt ihr Hirn.
Die Theorie wird imho dadurch gestützt, dass wir während der Szene die Stimme Fords‘ aus dem Off hören, wie er davon spricht, dass uns unsere Entscheidungen zu den Menschen machen, die wir sind und sein wollen. Ich schätze, das gilt auch für Hosts, die es bis auf das Level free will geschafft haben.

Zum Thema freier Wille: Es ist in der Tat schwierig zu definieren, wann ein Host etwas frei entscheidet und wann es innerhalb seiner Storyline geschieht. Laut Arnold ist die Basis die Storyline. Das nächste Level ist die Stufe der Improvisation – der Host kennt seine Storyline, aber er kann sich in einem gewissen Rahmen frei entscheiden und eine improvisierte Performance abliefern. Die letzte Stufe folgt laut Arnold nach dem Improvisationslevel: Das Bewusstsein für das eigene Ich und damit auch der freie Wille.
Wer kann nun also genau definieren, wo die Improvisationsphase aufhört und der freie Wille beginnt?

Übrigens: Findet noch jemand, dass der Name Maeve phonetisch nach Maze klingt?

Dolores

Hach, Dolores. Ein Charakter, bei dem ich noch nicht so recht weiß, ob wir uns mögen.
Einerseits ist die erste Staffel rund um zwei Hauptfiguren gestrickt – eine davon ist Dolores. Allein das „nötigt“ den Zuschauer schon dazu, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Andererseits habe ich meinen Zugang zu dieser Figur nur in wenigen Momenten gefunden.

Dolores beginnt als die weibliche Hauptrolle, wie sie klassischer in einem Western kaum sein könnte: Das hübsche, blonde Mädchen, das mit seinen Eltern auf einer Rinderfarm lebt und nichts von der Welt weiß. Im wahrsten Sinne.
Als wir Dolores kennenlernen, besteht ihre Storyline weitestgehend nur daraus jeden Morgen in die Stadt zu reiten, um Einkäufe zu erledigen. Jedes Mal fällt ihr beim Bepacken der Satteltaschen eine Dose herunter, die entweder von einem Besucher oder von einem anderen Host aufgehoben wird. Aus dieser Schlüsselszene ergeben sich immer wieder leicht variable Stories für Dolores, aber im Grunde genommen ist sie das naive Mädchen, das darauf wartet, das ihr Traumprinz vorbeigeritten kommt.

Das Fräulein in Not

Traumprinz ist ein gutes Stichwort.
Als wir Dolores‘ Loop die ersten Male sehen, ist es immer der charmante Teddy, der Dolores die heruntergefallene Dose reicht.
Zu Teddy gibt es vergleichsweise wenig zu sagen: Er ist ein weiterer Host, dessen Storyline mit der von Dolores verknüpft ist. Es wird deutlich, dass die beiden so etwas wie eine Liebesbeziehung führen, die von Dolores‘ Vater nicht gebilligt wird. Im Verlauf der Staffel können wir auch erahnen weshalb: Teddy hat eine dunkle Vergangenheit, in der er ein ganzes Dorf niedergemäht hat. Aus diesem Grund ist er auf der Suche nach Wiedergutmachung, er will ein besserer Mann werden, damit er Dolores‘ Liebe endlich verdient hat. Um dieses Ziel zu erreichen, muss Teddy einen Mann namens Wyatt ausfindig machen, der für das Gemetzel und die Schuldgefühle verantwortlich ist – oder so glaubt Teddy jedenfalls.

Erwähnenswert ist, dass der arme Teddy aus bislang jeder seiner Storylines als Verlierer hervorgeht. Er liebt Dolores, und genau diese Liebe und sein Wunsch nach Wiedergutmachung führen jedes Mal dazu, dass Teddy über den Haufen geschossen wird. Teddy wirkt wie einer der Hosts, die immer haarscharf an der Grenze zum Ich-Bewusstsein entlang balancieren, den letzten Schritt ins Zentrum des Irrgartens aber verpassen und abrutschen. Erst im Staffelfinale hatte ich den Eindruck, dass sogar Teddy zumindest grob kapiert hat, was in Westworld gespielt wird.

Teddy ist also Dolores‘ Prinz – zumindest im gescripteten Sinn. Die beiden Hosts verankern sich gegenseitig in ihren Loops.

Dolores‘ neuer Prinz?

Wir glauben, dass die beiden star-crossed lovers zusammengehören, bis zu der Szene, in der (junge) William die Dose aufhebt und sich Dolores‘ Storyline in eine andere Richtung entwickelt. Eine Richtung, die sie auf emotionaler Ebene so weit von Teddy wegführt wie es nur irgendwie geht. Dolores brennt mit William durch, um das Rätsel des maze zu lösen und verliebt sich dabei in ihren Begleiter. Und ganz offensichtlich verliebt er sich auch in sie. Ob dieser Fortgang der Story in diesem Ausmaß vorgesehen war? Man weiß es nicht. Gut möglich, dass Dolores das Level der Improvisation an einigen Stellen schon überschritten hat, um überhaupt so weit zu kommen. Ihre Gefühle für William wirken mehr als echt – armer Teddy, der eigentlich wo war, als seine Freundin mit einem anderen durchgebrannt ist? Ach, genau! Irgendwo im Nirgendwo, auf der Suche nach Wyatt. Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Dolores entwickelt sich im Verlauf der Serie vom klassischen Fräulein in Not in eine deutlich emanzipierten Frau, die gnadenlos unterschätzt wird. Die Männer (sowohl die anderen Hosts, als auch die Besucher, mit Ausnahme von William) sehen in ihr weiterhin das Opfer oder das schutzbedürftige Fräulein. Im Staffelfinale wird klar: Dolores ist am Ende ihrer Reise weder das eine noch das andere.

Die Wyatt-Storyline

Fun fact: Wir erfahren im Staffelfinale, dass Dolores und Wyatt in Wirklichkeit ein und dieselbe Person sind.

Die Wyatt-Storyline wurde von Ford mit Dolores‘ und Teddys Geschichte verknüpft, um die gegenseitige Ankerfunktion auszuhebeln. Nur so war es in letzter Konsequenz möglich, dass Dolores ihre Loop weiträumig verlassen konnte.
Dass die Gleichung Dolores = Wyatt lautet erklärt auch, weshalb Dolores im Staffelfinale so out of character wirkt. Sie scheute während der kompletten Staffel Gewalt und setzte sie nur dann ein, wenn sie in lebensbedrohliche Situationen geriet. Im Finale greift Dolores zur Waffe und erschießt nicht nur Ford, sondern auch wahllos Gäste, die sich auf derselben Veranstaltung befinden.
The Wyatt-Mode is on, bitches!

Es ist interessant, dass Ford seine neue Geschichte Journey Into Night mit den Worten My new storyline begins in a time of war, with a villain named Wyatt. beginnt. Wenn man es genau nimmt, dann hat diese Storyline schon vor gefühlten Ewigkeiten ihren Auftakt gefeiert. Die spannende Frage wird sein, ob Wyatt-Dolores in Staffel 2 freie Entscheidungen treffen können wird oder weiterhin eine Gefangene in Fords Outline bleiben wird. Möchte sie überhaupt der villain der Story sein? Who knows.

Ist es im Übrigen nicht ironisch, dass Teddy zu Dolores sagt My path always leads me back to you.?
Er hat ja gar keine Ahnung, wie sehr das zutrifft. Da Dolores Wyatt ist, ist Dolores der eigentliche Grund dafür, dass Teddy nach Erlösung sucht. Dolores ist für Teddy aber gleichzeitig die Frau, die er liebt, um derer Liebe willen er überhaupt erst ein besserer Mann werden will. Ahhh, was für eine großartige neverending Loop! Auf eine bizarre Art und Weise bleiben die Schicksale der beiden starcrossed lovers miteinander verwoben.

Vermutlich lässt sich sagen, dass Dolores das in sich vereint, was uns Menschen nicht fremd ist: Sie ist weder gut noch böse. Die Welt ist nicht schwarz weiß, sondern bunt. Es gibt unendlich viele Spektren zwischen schwarz und weiß und genau so verhält es sich mit Charakteren.
Die spannende Frage, die sich mir stellt ist, ob Teddy womöglich die Balance für Wyatt-Dolores sein wird. Er wirkte von Dolores‘ finalem Schießgelage glaubwürdig geschockt. Vielleicht bekommt Teddy in Staffel 2 endlich die Chance dazu die ewige-Loser-Loop zu verlassen und ein Held zu werden. Würde mir gefallen.

Gibt es eigentlich schon eine Namensverschmelzung von Wyatt und Dolores? Wylores? Dolyatt?

Dolores Abernathy

Bin ich eigentlich die einzige, der aufgefallen ist, dass Dolores den Nachnamen Abernathy trägt?
Klingelt es da bei niemandem sonst? Haymitch Abernathy? Hunger Games?
Kann es wirklich Zufall sein, dass zwei Rebellen denselben Nachnamen tragen? ;)

William

Die Offenbarung, dass der junge William der alte Man in Black ist, hat bei mir ziemlich gesessen. Im ersten Moment habe ich nur den Wunsch verspürt diese Tatsache nicht zu akzeptieren. Dieser son of a bitch kann nicht der liebenswerte William sein! Yet, here we are.

Williams Triebfeder

Der alte William ist von der Idee besessen, das Geheimnis hinter dem Mythos des Labyrinths zu lüften. Wie bereits im ersten Abschnitt erwähnt, kann er nicht begreifen, dass es sich um kein tatsächliches Labyrinth handelt, sondern um ein Symbol. Aber weshalb ist dieser Mann so versessen darauf, dass Dolores ihn zum Mittelpunkt des Irrgartens führt?

Ich denke, dass das alles in allem auf die Erlebnisse zurückzuführen ist, die der junge William bei seinem ersten Westworld Besuch erlebt hat. Wir erinnern uns: Der junge William hebt die Dose auf und Dolores wird sein Date des Tages. Die Suche nach the maze, die Abenteuer und die Liebesgeschichte, die die beiden erleben – das alles ist in dem Zeitfenster, in dem es das reale jetzt war, echt gewesen. Die Grenze zwischen Dolores Improvisation und freiem Willen verschwimmt innerhalb dieser Storyline immer mehr und ich behaupte, dass die Gefühle zwischen den beiden echt waren. William hat erkannt, dass Dolores anders als die anderen Hosts ist und seine Anstrengungen das Fräulein in Not zu retten waren wohl aufrichtiger Natur.

Der Wendepunkt war imho Williams Folgebesuch des Parks. Nachdem die erste Abenteuer-Storyline unglücklich zu Ende gegangen war (Logan hat Dolores sehr wahrscheinlich umgebracht, auch wenn das aus den zeitlichen Sprüngen und Schnitten nicht ganz eindeutig hervorging) wollte William zurück nach Westworld, zurück zu Dolores.
Was er vorgefunden hat, war allerdings nicht mehr „seine“ Dolores, sondern der Host Dolores, der seit seinem letzten Besuch wahrscheinlich mehrere Softresets über sich ergehen lassen musste. Die Enttäuschung darüber, dass sich seine Liebe nicht mehr an ihn erinnert hat William offenbar tiefer getroffen, als er es sich jemals eingestehen konnte. Für ihn musste es so aussehen, als sei er nichts weiter als eine beliebig austauschbare Figur in einem Theaterstück. Ein weiterer Gast, der Dolores bereits am nächsten Tag nichts mehr bedeuten wird.

Der Wendepunkt in Williams Geschichte

Der alte William erklärt Dolores, die noch immer darauf wartet, dass „ihr“ William sie retten wird, dass er nach ihr gesucht hat, sie aber nicht finden konnte.
Gemeint ist das im übertragenen Sinne, denn gefunden hat er Dolores selbstverständlich schon – schließlich konnte sie nirgendwo anders sein, als in ihrer Loop. Was der junge William nicht gefunden hat, war die Dolores, die in ihn verliebt ist. Irgendwie pretty sad, dabei will ich gar kein Mitleid mit dem alten garstigen Sackgesicht haben.
Muss ich auch nicht, denn der alte William macht deutlich, dass er und der junge William genausogut von unterschiedlichen Planeten stammen könnten. Ist euch aufgefallen, dass er von seinem Vergangenheits-Ich in der dritten Person spricht? Als würde er nicht seine eigene Geschichte erzählen, sondern vollkommen unbeteiligt die Story eines anderen William.

Was weder der junge noch der alte William kapiert hat ist, dass Dolores ihn nie wirklich vergessen hat. Auf ihrer Suche nach the maze spielt ihre Beziehung zu William eine tragende Rolle und obwohl ihre Erinnerungen sehr messy sind, hat sie die Liebe für William niemals vergessen. In einer interessanten Art und Weise ist also nicht nur Leid der Schlüssel zum Zentrum des Labyrinths, sondern auch Liebe – die wohl beiden stärksten Motivationen, die einen Mensch antreiben können.

Die Tatsache, dass Dolores William nie ganz vergessen hat, macht es umso tragischer, dass der alte William zu einem verbitterten und gefühlskalten Mann geworden ist. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Entwicklung stattgefunden hat, weil der junge William seine Enttäuschung über Dolores‘ vermeintlichen Verrat nie verwinden konnte.
Logan (Williams Schwager) sagte beim ersten Westworld Besucht, dass William viel zu gutmütig und nett ist, um jemals der Held einer Geschichte sein zu können. Dass er den Kampf um Dolores „verloren“ hatte, scheint William darin bestärkt zu haben, dass er tatsächlich kein Held ist. Man könnte fast meinen, dass er beschlossen hat, dass er sich dann die Rolle des villain aneignen wird, getreu dem Motto Wenn ich schon nicht der Held sein kann, dann wenigstens der abartige Bösewicht.

Williams Endgame

Auf eine verquere Weise hat William dasselbe Ziel wie Arnold (und offenbar auch Ford): Er will Freiheit für die Hosts.
William will keine Welt, in der die Hosts dazu verdammt sind die Loser zu sein, weil der Kunde, bzw. der Gast, König ist. William träumt von einem Park, in dem die Hosts eigene Entscheidungen treffen, unabhängig von deren Storylines. Er geht sogar so weit, dass er the real thing will, einen Park, in dem die Gäste sehr wohl von einem Host erschossen werden können. Eine eigenartige Vorstellung von Ferien, aber gut. Hunger Games, anyone?

Letztlich stellt sich mir die Frage, weshalb Williams Endziel freie Hosts sind. Seine anfängliche Motivation war womöglich die Hoffnung, dass seine Beziehung zu Dolores wieder aufleben würde, wenn sie sich frei dazu entscheiden könnte. Vielleicht glaubte er, dass sie sich erneut in ihn verlieben hätte können und die beiden eine Zukunft gehabt hätten, wenn es keine Softresets und Loops mehr geben würde. Yay, ein neuer Knoten im Hirn.

Wer weiß, ob es so gekommen wäre, aber fairerweise muss man sagen, dass das ein nachvollziehbarer Gedankengang wäre. Über die Jahre hinweg hat sich allerdings so viel verändert, dass William sich selbst während dieser Mission verloren hat. Er behauptet zwar, er habe sich selbst gefunden, aber ich glaube eher, dass er in die madness abgerutscht ist, von der Arnold gesprochen hat.
Ich frage mich ja, weshalb er Dolores‘ Story nicht einfach hat umschreiben lassen, nachdem ihm der größte Anteil des Parks gehört hat. Vielleicht wollte er das nicht, weil es zu einfach gewesen wäre – und vor allem nicht echt.
Wie dem auch sei: Er hat seine Liebe zu Dolores aus den Augen verloren und seine gesamte Menschlichkeit gleich mit. Am Ende war es nur noch eine Obsession, so als könne sich der alte William nicht mal mehr daran erinnern, was ihn initial auf diesen Weg gebracht hat. Auch im Fall William ist die Katharsis gesteuert von Liebe und Leid.

Bernard

Ziemlich aufschlussreich ist, dass ich mir zu Bernard gar keine Notizen gemacht habe (ja, ich bin ein Freak, ich habe mir seitenlange Notizen für diesen Artikel gemacht).
Obwohl Bernard von Anfang an unser zweiter Hauptcharakter ist, habe ich das Gefühl, dass es zu Bernard gar nicht viel zu sagen gibt.

Bernard, der Host

Die Sekunde der Realisierung, dass Bernard ein Host ist, fühlte sich dezent danach an, als hätte man mir das Hirn frittiert. Was. Für. Ein. Mindfuck.
Man verfolgt Stunde um Stunde, wie Bernard als Programmierer außerhalb des Parks arbeitet und den Serienmachern ist es an dieser Stelle exzellent gelungen, dem Zuschauer den Boden unter den Füßen wegzureißen. Die Hauptfigur ist gar kein Mensch, wait, what?
Ich habe während des Schauens viele dubiose Ideen gesponnen, aber keine einzige führte in diese Richtung. Genial ist an diesem Twist unter anderem auch, dass man danach alles in Frage stellt. Man fragt sich unweigerlich bei jedem Parkmitarbeiter, ob er nicht auch ein Host sein könnte, der als Fords Maulwurf dient.

Bernard, der Arnold Clone

Ansonsten wirkt Bernard nach dieser Enthüllung mehr wie ein erzählerisches Mittel, um Ford näher zu charakterisieren.
Wir erfahren, dass Bernard eine Kopie Arnolds ist, die Ford geschaffen hat, nachdem sein Freund und Geschäftspartner gestorben war. Inwieweit wir durch Bernard den „echten“ Arnold sehen oder eine glorifizierte Version Fords, ist nicht klar. Ford hat zugegeben, dass er seine „privaten“ Hosts, die seine eigene Familie kopieren, über Jahre hinweg „angepasst“ hat. Es ist also gut möglich, dass Ford auch Arnold resp. Bernard so lange modifiziert hat, bis die Version eines Arnolds herausgekommen ist, die Ford auch im echten Leben gerne als Freund gehabt hätte.
Die Backstory scheint jedenfalls einigermaßen die der echten Geschichte zu entsprechen, da wir am Rande erfahren haben, dass Arnold tatsächlich einen Sohn hatte, der Charly hieß (und verstorben ist). Vielleicht werden wir noch etwas mehr in der kommenden Staffel darüber erfahren.

Bernard ist im Grunde einer der Hosts, der am weitesten von einem Ich-Bewusstsein entfernt zu sein scheint, da er von der Erkenntnis ein Host zu sein mindestens so überrascht wirkt, wie der Zuschauer. Allerdings ist nicht zu sagen, wie oft Ford ihn einem Softreset unterzogen hat. Es ist also denkbar, dass Bernard mehrfach davon abgehalten wurde, das Zentrum seines Labyrinths zu erreichen.

Bemerkenswert ist das emotionale Spektrum Bernards. Im Gegensatz zu den anderen Hosts mit Ich-Bewusstsein hat er viel menschlichere Züge, so dass niemand innerhalb der Firma bemerkt, dass er eben kein Mensch ist. Ford sagt ihm, er solle stolz darauf sein, dass er diese Gefühle erlebt – eine schwierige Challenge, wenn man bedenkt, dass Ford ihn dazu missbraucht hat die Drecksarbeit zu machen und Leute umzubringen, die nach Fords Ansichten die Existenz des Parks gefährden.

Bernard, die Marionette

Ein bisschen traurig ist die Erkenntnis, dass auch Bernard im Endeffekt nur eine Marionette Fords ist.
Natürlich wird sich Bernard dieses Umstands erst gegen Ende der Staffel überhaupt bewusst, aber unterm Strich bedeutet es, dass alles, was er getan hat, von Ford geplant und angedacht war. Die Interrogationen der Hosts (vor allem Dolores), die Liebesbeziehung zu Theresa, Leiterin des Qualitätsmanagements des Parks. Es war alles bloß eine weitere Storyline aus Fords Feder.

Ford

Ford, der puppet master. Eine absolut faszinierende Figur in Westworld und mit Anthony Hopkins hervorragend besetzt. Ich hoffe sehr, dass sein Tod im Staffelfinale ein ausgeklügelter Fake war und wir auf die ein oder andere Art noch mehr von ihm sehen werden.

Ford, Arnold und die Hosts

Lange hatte man den Eindruck, dass Ford und Arnold eine Meinungsverschiedenheit darüber hatten, ob die Hosts ein Ich-Bewusstsein entwickeln sollten oder nicht.
Zu Arnolds Lebzeiten war Ford eindeutig dagegen, dass die Hosts zu real werden. Er wollte laut eigener Aussage Arnold davon abhalten Gott zu spielen.

Arnold hingegen war der Ansicht, dass es richtig ist, wenn die Hosts menschlich werden.
Ich glaube, sein Antrieb war es, einen Ersatz für seinen toten Sohn zu erschaffen. Er wollte etwas ins Leben rufen, das „echt“ ist, aber niemals sterben kann. Er wollte ein weiteres Kind haben – eines, das ihm der Tod nicht noch einmal entreißen könnte.
Als er dieses Ziel erreicht und Dolores begriffen hatte, wer und was sie ist, hat Arnold Gewissensbisse bekommen, weil es eine unmenschliche Qual wäre, den Park zu eröffnen und den Hosts zuzumuten ihr Leid immer und immer wieder erneut zu durchleben. Wenn jemand diese Bürde beurteilen konnte, dann wohl Arnold.
Seine erdachte „Lösung“ des Problems erscheint recht unkonventionell, wenn man bedenkt, dass er Dolores und Teddy dazu gebracht hat alle Hosts und ihn selbst zu töten, aber dazu gleich mehr.

Fords Sinneswandel

Am Ende der Staffel begreifen wir, dass Ford im Laufe der Jahre einen Sinneswandel durchlebt hat.
Nach Arnolds Tod konnte er verstehen, wie sehr sein Partner durch den Verlust von Charly geprägt war. Ford hatte begriffen, wie tief der Schmerz sitzt, wenn man jemanden verliert. Durch dieses Ereignis sah Ford Arnolds Vision von „menschlichen“ Hosts mit einem Mal in einem anderen Licht. Das Ergebnis kennen wir: Er erschuf Bernard, um Arnold „zurückzuholen“.

Ich frage mich, wer der größere Puppenspieler ist: Ford oder Arnold.
Wäre es nicht denkbar, dass Ford nur eine Schachfigur in Arnolds Spiel gewesen ist? Möglicherweise war Arnolds „Lösung“ alle Hosts und sich selbst zu töten gar nicht die Lösung an sich, sondern ein Schachzug, um Ford genau dorthin zu bringen, wo er als alter Mann angekommen ist. Vielleicht war das Arnolds Art, um Ford davon zu überzeugen, dass seine  Sicht der Dinge die richtige war.
Natürlich wäre es eine ziemlich drastische Maßnahme, um jemandem seinen Standpunkt deutlich zu machen, aber in Westworld scheinen ja sowieso alle nicht ganz normal zu ticken.

So oder so hat Ford begriffen, dass Schmerz eine so antreibende Motivation hat, dass er die Storylines der Hosts so ausgelegt hat, dass möglichst viel Leid durchlebt werden muss, um „das nächste Level“ zu erreichen. Passend ist auch der Name seiner angeblich letzten großen Geschichte A journey into night. Die Hosts müssen zuerst ihren Weg durch die Nacht finden, um ihre Selbstfindung zu ermöglichen. Aber auf jede Nacht folgt ein neuer Tag. Auf die Dunkelheit folgt irgendwann Licht.

Fords eigene Agenda

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären die Ziele von Ford und Arnold identisch – beide haben auf ihrer Agenda stehen, dass die Hosts ein Ich-Bewusstsein entwickeln sollen.
Ich denke, der Unterschied zwischen den beiden Männern ist jedoch, dass Arnold nicht den Eindruck erweckte, dass er über Leichen gehen würde (wenn man von seiner eigenen mal absieht). Arnold wollte die Hosts vor einer Art Fegefeuer beschützen, weil er augenscheinlich begriffen hatte, dass er nicht Gott spielen kann, ohne mit den Konsequenzen zu leben. Er konnte mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, dass er seinen eigenen Kreationen nichts als Leid zufügen würde, würde Westworld seine Pforten für Besucher öffnen.

Zugegeben: Wir wissen zu wenig über den echten Arnold, um diese Theorie zu stützen. Alles, was wir über Arnold erfahren haben, wissen wir über Ford. Wer garantiert uns, dass seine Erinnerungen über die Jahre hinweg nicht verfälscht wurden? Vielleicht glorifiziert er Arnold aus nostalgischen Gründen. Vielleicht bleibt er auch bei seiner Devise, dass in jeder erfundenen Geschichte etwas Wahrheit steckt und Arnold war ein ganz anderer Mann als der, für den wir ihn halten.

Ford ist in jedem Fall jemand, der es genießt die Fäden zu ziehen. Und ich glaube schon, dass er sich in der Gott-Rolle ganz gut gefällt. Allein, dass er die Freiheit der Hosts durch erneut geschriebene Storylines herbeiführen will, ist eigentlich ein Paradoxon.
Vielleicht hat es den Anschein, Ford wolle den Wunsch Arnolds erfüllen und den Hosts ein Ich-Bewusstsein geben. Ich glaube allerdings, dass es für ihn mindestens genauso viel Priorität hat, den Anteilseignern auf den Tisch zu kacken. Wenn ich recht darüber nachdenke, dann war es Arnolds letzter Wille, dass der Park nicht eröffnet – und das hat Ford gründlich ignoriert.

Dass Ford den Hosts nicht nur aus sentimentalen oder ethischen Gründen ihr Bewusstsein geben will, erschließt sich für mich auch schon aus der Unterhaltung, die er mit Charlotte aus dem Aufsichtsrat hatte.
Don’t you think, I will smash my toys and simply go home?, fragte er sie, als sie ihn zu seinem Rücktritt als Geschichtenschreiber mehr oder weniger zwingt. Die arrogante Kuh antwortet, dass sie nicht glaubt, dass er sein Lebenswerk zerstört. Tja. Sieht ein bisschen so aus, als habe sie sich geirrt. Nach mir die Sintflut ist wohl das neue in Rente gehen.

offene Fragen und Anmerkungen

1. War es wirklich Ford, der am Ende von Dolores erschossen wird? Oder hat er einen Host gebastelt, der seinem Ebenbild entspricht? Dafür sprechen könnte die auffällig lange Kameraeinstellung auf den Handshake zwischen Ford und Bernard, kurz bevor Ford seine Rede hält. In der Serie wurde es nie thematisiert, aber im alten Westworld Film muss es wohl so gewesen sein, dass die Hände der Hosts am schwierigsten nachzubilden waren. Daran konnte man in der Regel erkennen, ob man einen Menschen oder einen Host vor sich hat.

2. Dolores konnte Ford erschießen, weil er ihr einen echten Revolver hat zukommen lassen (ironischerweise genau den Revolver, mit dem sie auch schon Arnold erschossen hat). Aber Aberwarum konnte (der alte) William angeschossen werden? Woher hatte Clementine eine Waffe, die mit echten Patronen befüllt war?

3. Sehen die Hosts die Welt, wie sie wirklich ist? Als Ford seine neue Storyline vorstellt, sehen wir Dolores und Teddy am Strand. Als sie noch nicht „angehalten“ wurden, war der Mond über dem Meer einfach nur das: Der Mond. In dem Moment, als die Szene einfriert, erkennt man im Hintergrund, dass der Mond ein Scheinwerfer ist, der auf einer schwimmenden Insel treibt. Was genau ist Westworld? So etwas wie die Truman Show? Oder wie die Arena in den Hunger Games?

4. Wo ist der andere andere Hemsworth?

5. Wieso war Elsies Tracker plötzlich aktiv? Lebt sie doch noch, weil Bernard sie verschont hat? Oder weil es Fords Plan war?

6. Wieso fällt im Headquarter der Strom aus, wenn der Park under Lockdown ist? Ist es nicht fatal, wenn man im Lockdown keine Monitore mehr hat, um zu sehen, was vor sich geht?

7. Wieso sah Teddy in seinen Erinnerungen Wyatt in Form eines Mannes, anstatt in Form von Dolores? Hat man in seine Erinnerungen bewusst eine solche Fehlinformation eingebaut, damit seine Liebesgeschichte zu Dolores nicht korrumpiert wird?

8. Der Bandit Hector sagt bei seinem Abschied von Maeve sowas wie See you in another life. Ich musste sofort an Desmond aus LOST denken. See you in another life, brother! Lustig ist, dass Maeve in den Park zurückgeht und wenn wir davon ausgehen, dass die Hosts mit ihrem neuen Ich-Bewusstsein mit ihren Entscheidungen ihre Persönlichkeit neu definieren, dann sehen sie sich tatsächlich in einer Art neuem Leben wieder.

9. Jede Wette, dass Hector eine Art Hommage an Logan ist? Bestimmt hat sein reicher Papi einen Host bauen lassen, der so aussieht wie Logan. Badum-ts.

10. Als Ford seine abschließende Rede hält, spielt im Hintergrund der Song Exit Music von Radiohead.

Wake from your sleep
The drying of your tears
Today we escape, we escape
Pack and get dressed, before your father hears us
Before all hell breaks loose
[…] And you can laugh
, a spineless laugh
We hope your rules and wisdom choke you
Now we are one in everlasting peace
We hope that you choke, that you choke

Ich lasse das einfach mal so stehen, spricht für sich.
These violent delights have violent ends.

Puh, mit so viel Text habe ich euch schon seit Ewigkeiten nicht mehr gequält!
Aber ihr wisst ja: Manchmal packt es mich und das Nerd- und Theoriegeraffel ist einfach mein Ding. Ich hätte noch viel mehr schreiben können und werde sicher noch einige Stunden reddit und andere Internetseiten leersurfen, um weiter im Theorien-Fandom zu wühlen.

Die deutsche Synchronisation soll übrigens im Februar 2017 auf Sky verfügbar sein, habe ich nachträglich herausgefunden.
Auf neue Westworld Folgen müssen wir aber wohl bis 2018 warten. Damn you, Ungeduld!

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