Never Touch Anything With Half Your Heart – Internet, du nervst!; Foto: Pexels, Gesamtkomposition: Laura Meyer

Du bist so wenig online! und Du bloggst ja gar nicht mehr! sind nur zwei der Sprüche, die ich seit einiger Zeit immer häufiger zu hören bekomme.

Ja, es stimmt. Ich blogge im Moment extrem wenig. Dass ich kaum online bin, ist allerdings nur die halbe Wahrheit, also verrate ich euch ein Geheimnis: Es sieht nur so aus, als wäre ich nicht da.

Was heißt wenig online sein heutzutage überhaupt? Gefühlt haben wir doch alle irgendwie eine Standleitung zum Internet. Es ist auch nicht so, als ob ich offline wäre. Meine Twitter Timeline würde ich nicht ganz verlassen wollen und auch über andere digitale Wege bin ich erreichbar und verfolge, was so alles in der Welt passiert.

Ich könnte jetzt aufzählen, wieso ich wenig Zeit für den Blog habe, dies, das, Ananas.
Es spielt sicher eine Rolle, dass ich mich im Moment auf andere Dinge konzentriere(n muss), aber in Wirklichkeit ist ein weiterer Grund noch viel entscheidender, weshalb ich mich rar mache: Das Internet geht mir auf den Keks.

Bäm! Ich habe es gesagt.

Das wird kein Artikel über Digital Detoxing, aber ich habe das Bedürfnis, das einfach mal loszuwerden.
Und wenn nicht hier, wo dann?

Ich weiß gar nicht, wie ich es erklären soll, denn eigentlich liebe ich das Internet! Ich bin eines dieser Kinder, das damals mit 11, 12 (?) Jahren zu Hause einen irre langsamen Internetanschluss hatte und ab diesem Zeitpunkt die Onlinewelt erkundete. Am Anfang unter Aufsicht der Eltern, versteht sich. Chatrooms waren mein zweites zu Hause, meine ICQ-Nummer kann ich heute noch auswendig, obwohl ich sie gar nicht mehr nutze.
Ich habe viele tolle Menschen im Netz kennengelernt! Einige sind schon seit vielen Jahren Teil meines Lebens und dafür bin ich sehr dankbar. Und trotzdem ziehe ich mich aktuell aus der Onlinewelt zurück, weil ich festgestellt habe, dass mir viele Dinge auf die Nerven gehen.

Es ist egal, wie sehr die Blogger Community einen auf Fluffelpuffel-Heititei macht.

Es ist egal, wie sehr die Blogger Community einen auf Fluffelpuffel-Heititei macht, der Konkurrenzgedanke unter Bloggern, die sich in derselben Nische aufhalten, ist da. Da werden jeden Tag Blogposts rausgehauen, das ganze Wochenende gekocht, gebacken, geshootet und Artikel für die nächsten drölf Wochen vorgeschrieben. Es werden Fotoausrüstungen für viel Geld angeschafft, im heimischen Arbeitszimmer ganze Fotostudios aufgebaut, nur damit die Bilder perfekter als perfekt sind.

Versteht mich an dieser Stelle nicht falsch: Ich liebe schöne Fotos und ich lese gerne Foodblogs, die Bilder zeigen als entstammten sie aus einem Kochbuch. Ich gebe mir auch bei jedem Bild Mühe, damit mein Essen nicht aussieht wie das von einem Wiederkäuer. Ein hübsches Arrangement, eine geeignete Perspektive und gutes Licht, das gehört schon dazu. Aber wenn ich sage, dass ich alle Fotos mit meinem iPhone 6 mache, dann komme ich mir fast schon schäbig vor, neben den ganzen Bloggern, die digitale Spiegelreflexkameras ihr eigen nennen.
Fun fact: Ich habe zu Hause eine Nikon 1 S1* liegen, die ich sehr liebe, aber nur während unseres Irland Urlaubs exzessiv benutzt habe. Das war 2014. Für den häuslichen Gebrauch nehme ich immer mein iPhone zur Hand, weil es bequem ist. Es ist griffbereit, aufgeladen, die Bilder sind gleich für die sozialen Medien verwendbar, läuft. Dass das jetzt viele Blogger nicht nachvollziehen können, ist mir bewusst – aber ich bin faul und habe keinen Nerv, mich mit anderen zu vergleichen. Ich mache lieber mein eigenes Ding und das war’s.
My bad, schon klar.

Die perfekte Blogpräsenz der anderen erzeugt den vermeintlichen Druck

Man soll ja nicht danach schauen, was andere machen, aber die perfekte Blogpräsenz der anderen erzeugt den vermeintlichen Druck jede Woche mindestens zweimal (besser noch öfter) einen Artikel abliefern zu „müssen“. Das fällt mir oft gar nicht schwer, aber es gibt auch Phasen, in denen ich einfach keinen Bock habe. Manchmal backe ich nicht jede Woche, meine Kochrezepte finde ich zu unspektakulär, um sie zu posten. In den vergangenen Wochen esse ich oft, ohne überhaupt daran zu denken, vorher ein Foto zu machen.

Wenn ich Instagram öffne und meine Timeline zu 90% aus glattgeleckten Fotos besteht, dann sinkt mein Interesse nach drei Bildern gen Null und spätestens beim fünften Bild schließe ich die App. Sehen eure Schreibtische wirklich so aufgeräumt aus? Esst ihr wirklich nur fünf farblich sortierte Gummibärchen, wenn die Tüte einmal offen ist? Und mal im Ernst: Sehr ihr wirklich direkt nach dem Aufstehen so superperfektsmoothsparkly aus?

Ich will niemandem unterstellen, dass er seine Follower bewusst in die Irre führen will. Aber wenn ich die Flut an Fotos sehe, auf denen die Wohnungen aussehen wie aus dem Möbelkatalog und die Menschen wie Models aus einer Zahnpasta- oder Gucciwerbung – dann brüllt mich mein Gehirn an, dass das alles nicht so echt sein kann, wie die Leute es vorzugeben versuchen. Klar: Man sieht immer nur einen kleinen winzigen Abriss aus dem Leben des Menschen, der sich hinter den Social Media Kanälen verbirgt. Dass man lieber die schönen Aspekte teilt, anstatt möglicherweise sein Leid ins Internet zu posauenen, ist legitim. Aber die sichtbaren Abrisse der Meisten wirken so glattgebügelt wie das Gesicht von Renée Zellweger. Es geht nur noch darum, wer schlanker und hipper ist, die schöneren Fotos hat und damit mehr Follower und die tolleren Kooperationen mit Firmen abgreifen kann.
Es. Nervt.

Dass alles zu einem so krass irrealen Spielplatz mutiert ist, ist mir bewusst geworden, als vor ein oder zwei Wochen auf Instagram jemand unter ein Foto (von jemand anderem) schrieb Ich bewundere dich voll dafür, dass du dich traust Fotos mit Grimassen hochzuladen. Also Fotos, die nicht so hübsch sind, wie die Selfies von allen anderen. Äh. Okay. Dass man schon aus der Masse hervorsticht, wenn man „normale“ Fotos hochlädt, dann weiß ich auch nicht. Wenn ich mir meine Selfies so ansehe, dann gibt es kein einziges, das auf superhübsch getrimmt ist, mal ganz abgesehen davon, dass es sowieso wenige Selfies von mir gibt. Nein, nicht weil alle Spiegel zerspringen, wenn ich hineinsehe. Ich finde es schlicht und ergreifend nicht spannend, jeden Tag meine Schnute in die Kamera zu halten. Ihr wollt doch nicht immer dasselbe sehen, oder? Vielleicht verstehe ich es auch einfach nur nicht.

Im Internet weiß jeder alles besser, vollkommen egal worum es geht.

Ich höre schon die Trolle um die Ecke trapsen, die jetzt behaupten werden Das sagst du doch nur, weil du keine tollen Kooperationen am Start hast! Du bist voll neidisch!
Das bringt mich gleich zum nächsten Punkt, der mir momentan tierisch auf den Senkel geht: Im Internet weiß jeder alles besser, vollkommen egal worum es geht.

 Dir gefällt eine Fernsehserie nicht, die total angesagt ist?  Man wird dir ausführlich erklären, weshalb die Serie total toll ist und du doofe Ohren hast.
 Du äußerst dich kritisch über gesellschaftliche Entwicklungen/Politik/einen Werbespot/whatever?  Wenn du Glück hast, fängst du bei der Gelegenheit gleich ein ganzes Rudel Trolle, die du melden wirst, weil sie dich mit beleidigenden Nachrichten bombardieren. Yay!
 Du schaust gerne sinnlose TV-Sendungen und freust dich darauf, gemeinsam mit deiner Twitter Timeline über den Trash zu lästern?  Kein Problem, es findet sich im Handumdrehen mindestens einer, der versuchen wird, dir den Spaß mit seinen Kommentaren zu versauen. Wie kann man auch nur Trash-TV schauen.
 Du findest, dass 50 Shades of Grey schlecht recherchiert ist und hältst Mr. Grey für einen Stalker, vor dem man im realen Leben besser davonlaufen sollte?  Du wirst flammende Vorträge darüber hören, dass du keine Ahnung hast, sexuell verklemmt bist und selbst gerne einen Mr. Grey hättest aber nie bekommen wirst. Außerdem ist der Roman total seriös und Mr. Grey ein echter Kerl. Kapiert?
 Du willst abnehmen/dich anders ernähren/mehr Sport machen?  Keine Sorge, du wirst ausreichend mit Ratschlägen versorgt werden, obwohl du gar nicht darum gebeten hast. Die Leute im Internet werden dir sagen, dass es sowieso falsch ist, wie du die Sache anpackst, weil nur HeilfastenLichtdiätVeganLowCarbNoFood-Shizzle wirklich funktioniert.

Nicht alles davon ist mir selbst „widerfahren“, aber ich habe im Moment das Gefühl ins Internet zu schauen und live mitverfolgen zu können, wie sich die Leute gegenseitig anklugscheißen. Darauf habe ich keinen Bock.

Ich frage selbst oft genug um Rat und ich bin immer dankbar, wenn ich hilfreiche Antworten bekomme. Und wenn ich kann, gebe ich bei der nächstbesten Gelegenheit meine Hilfe zurück. Meine Twitter Timeline ist eine Ansammlung aus den tollsten Menschen, die ich im Netz finden konnte (danke dafür!).

Aber so ziemlich alles außerhalb meiner Filterblase geht mir momentan auf den Sack. Die ganzen Radikalen und Idioten, die meinen, es sei in Ordnung ihren Frust bei fremden Menschen im Netz abzuladen. Die Plastikblogger, an denen gefühlt gar nichts mehr authentisch ist. Nah. Ich mag das gerade alles nicht.

Und weil man keine halben Sachen machen soll, bin ich deswegen in weiten Teilen „nur“ stiller Beobachter oder verbringe meine Zeit anderweitig als im Netz. Ihr seht es mir hoffentlich nach.


Ist alles anders geworden?

Was meint ihr? Habt ihr auch das Gefühl, dass ihr ab und zu eine Pause von dem digitalen Zirkus nehmen wollt? Oder sogar braucht? Ist das Internet in den letzten Wochen/Jahren „schlimmer“ geworden?
Lasst es mich in den Kommentaren wissen!

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Written by Laura

liebt es in der Küche herumzuwurschteln, ganz besonders wenn es ums Backen geht.

Glutenfrei seit Januar 2014, laktose- und weizenfrei seit September 2010.