Ihr Lieben,

heute möchte ich ein Thema aufgreifen, das mich erschüttert und – ja – beschämt hat.
Erschüttert, weil mir nicht bewusst war, was teilweise in unserer Welt vor sich geht und beschämt, weil mir klar geworden ist, wie wenig man hinterfragt.
Es wird ein sehr, sehr langer Artikel, aber ich möchte euch dennoch bitten, ihn zu lesen und euch eine eigene Meinung zu bilden.

Man hält sich immer für einen „aufgeklärten Verbraucher“. In diese Kategorie hätte ich mich selbst bis vor Kurzem auch noch eingestuft, doch ich fürchte, in Wahrheit hinterfragen wir noch immer viel zu wenig.
Auf ARD lief am vergangenen Montag die Dokumentation „Schmutzige Schokolade“.

Der dänische Journalist Miki Mistrati hat sich auf eine spannende, gefährliche und äußerst schockierende Dokumentationsreise begeben, um darüber zu berichten, woher die Kakaobohnen stammen, die in unserer Schokolade landen.

Es kursieren schon lange Gerüchte darüber, dass auf Kakaoplantagen, vor allem in Afrika, Kinder beschäftigt werden. Immer wieder wird von Sklaverei und Menschenhandel gemunkelt. Begriffe, von denen wir als Europäer glauben, sie hätten ihren Platz nur noch in Geschichtsbüchern. Begriffe, von denen wir hoffen, dass es sich um maßlose Übertreibungen handelt, von denen wir gerne sagen würden „Das gibt es in unserer heutigen Welt doch gar nicht mehr.“ Stimmt das? Gibt es solche Dinge wirklich nicht mehr?

Miki Mistrati hat sich auf die Suche nach Antworten begeben.
Er hat recherchiert und ist um den halben Globus gereist, um herauszufinden, ob Kinder auf Kakaoplantagen arbeiten, anstatt zur Schule zu gehen, damit Industrieländer das Luxusgut Schokolade zu günstigen Preisen im Supermarkt kaufen können.
Seine erste Dokumentation ist aus dem Jahr 2010, die ich euch hier vorweg ans Herz legen möchte. Die „Fortsetzung“ davon, Schmutzige Schokolade II aus 2012, lief am 17.12. auf der ARD. Sie sollte aufzeigen, ob und wenn ja was sich seit dem ersten Skandal verändert hat.

Mistrati begann seine Recherche 2010 auf einer Süßwarenmesse, um etwas über die Herkunft der Kakaobohnen in Erfahrung zu bringen.
Die Mitarbeiter an den Messeständen sagen, sie wüssten nicht, ob auf den Kakaoplantagen Kinder illegal beschäftigt werden. Vermutlich wissen die einzelnen Mitarbeiter tatsächlich nichts über die Verhältnisse auf den Zuliefererplantagen. Schließlich sind „normale“ Mitarbeiter in einem größeren Konzern relativ weit weg vom Einkaufsprozess der Zutaten für ein Produkt.

Bereits 2001 trafen die großen Schokoladenhersteller ein Abkommen, das Kinderarbeit und Sklaverei auf Kakaoplantagen nicht mehr geduldet werden dürfe. Dennoch scheint es so zu sein, dass Kinderarbeit noch immer traurige Realität ist.
Auch wenn von den Regierungen und den Managern alles konsequent abgestritten wird:
Verweigerte Dreh- und nicht erteile Einreisegenehmigungen für Journalisten sprechen leider eine ganz eigene Sprache.

Wenn man in der Doku sieht, wie Kinder aus Mali einfach an die Elfenbeinküste verschleppt/verkauft werden und man hört, dass ein Mitarbeiter der Busfahrergewerkschaft Kinder vor dem „Transport“ rettet … Dann fühlt man sich unangenehm an den Film Schindlers Liste erinnert.
Vor die Kamera treten die Wenigsten. Die Einen, weil es mit Sicherheit unangenehm wäre, den kritischen Fragen der Journalisten standzuhalten. Die Anderen, weil sie die Konsequenzen fürchten, wenn sie über dieses Thema sprechen.
Auch ich frage mich, ob ein solcher Blogpost Konsequenzen haben könnte.

Erschreckend ist vor allem die Erkenntnis, wie gefährlich es für Journalisten ist, an solchen Reportagen zu arbeiten. Wenn man hört, dass 2004 ein Reporter an der Elfenbeinküste verschwunden ist, der an einer Dokumentation über Bestechung etc. auf Kakaoplantagen arbeitete, dann wird einem klar, dass Pressefreiheit nicht überall auf der Welt Gültigkeit hat. Der Fall wurde bis heute nicht aufgeklärt. Und das, obwohl an der Elfenbeinküste die größten Hersteller der Industrienationen ihre Kakaobohnen einkaufen.
Man sollte glauben, dass solche Unternehmen wissen, was Pressefreiheit bedeutet.

Die Verantwortlichen von SAF Cacao, setzen sich vor die Kamera und behaupten, dass sie noch nie in ihrem Leben Kinder auf den Plantagen hätten arbeiten sehen. Kinderarbeit gäbe es nicht. Wenn man keine 2 Minuten später die versteckten Aufnahmen von Miki Mistrati sieht, wird schnell deutlich, dass auf den Plantagen fast NUR Kinder herumlaufen und arbeiten.
Als Reporter erhält man den Hinweis, man solle mit solchen Behauptungen vorsichtig sein, da man eine wirtschaftliche Katastrophe auslösen würde, würde man das Image des Kakaohandels und damit das Geschäft ruinieren.
Sogar das Ministerium erzählt wilde Geschichten darüber, dass die Kinder, die systematisch in Bussen über die Grenze geschafft werden, nicht auf Kakaoplantagen landen. Kinderarbeit sei gegen das Gesetz und die Kinder in den Bussen würden sicherlich nur in die Ferien fahren, wie viele andere Menschen auch. Immerhin sei die Elfenbeinküste ein beliebtes Urlaubsziel.
Auf den Plantagen sehen die Kinder ehrlich gesagt nicht so aus, als würden sie Ferien machen. Sie ernten fleißig Kakaobohnen und schwingen riesige Macheten.
Es ist unglaublich, dass sich alle Offiziellen hinstellen und sagen, es wäre nicht wahr, dass es Kinderarbeit gäbe.

Der Wahnsinn geht weiter – ein Wahnsinn, den man sich hierzulande nicht vorstellen kann. Ein Kind „kostet“ dort 230 Euro. Danach ist man offiziell der „Besitzer“ dieses Kindes und kann es auf seiner Kakaoplantage arbeiten lassen.
Wie kann das in unserer heutigen Zeit noch möglich sein? Kinderarbeit? Menschenhandel?

Fragt man bei den Konzernen nach, wird schlicht und ergreifend weiter geleugnet oder es wird behauptet, man arbeite an dem Problem.
Die meisten Konzerne lehnen Interviews von vornherein erst einmal ab. Man äußert sich gar nicht zu diesem Thema, stattdessen schickt man lieber Verbandssprecher vor, die Stellung beziehen sollen. Doch diese lavieren sich aus der Affäre und betonen, dass die Plantagen nicht den Konzernen gehören, sondern lediglich die Kakaobohnen liefern. Man könne also keine Verantwortung dafür übernehmen, was auf den Plantagen abläuft. Könnte man als Global Player aber nicht Verantwortung übernehmen, indem man seinen Einkauf bewusst steuert?
Ich frage mich, wozu die Konzerne überhaupt karitativen Organisationen angehören und Abkommen gegen Kinderarbeit unterzeichnen, wenn sie am Ende trotzdem sagen: „Damit haben wir nichts zu tun, wir kaufen dort nur ein.“.

Das war die erste Dokumentation, die Miki Mistrati 2010 zu diesem Thema gemacht hat.
Am 17.12.2012 lief die „Fortsetzung“ der Reportage, in der es darum ging, ob sich nach der ersten Veröffentlichung etwas getan hat.

Einer der großen Hersteller hat sich nach dem ersten Skandal öffentlich dazu bekannt, dass man sich der Probleme annehme, die Kinderarbeit unterbinde und den Kakaobauern Hilfestellung gäbe. Man wolle mit Hilfsprojekten Schulen bauen, damit die Kinder dort zur Schule gehen, anstatt auf den Plantagen zu arbeiten.
Mistrati wollte sich persönlich vor Ort von diesen Projekten einen Eindruck verschaffen, bekam ohne Einladung einer Schokoladenfirma aber nicht einmal eine Einreisegenehmigung an die Elfenbeinküste.

In öffentlichen Auftritten sprechen die Verantwortlichen oder deren Sprecher davon, dass man mittlerweile das Problem der Kinderarbeit im Griff habe und es keine Schwierigkeiten mehr gäbe. Die Kinder gingen alle zur Schule und seien in Sicherheit. Doch wie sieht die Realität aus?

Da Mistrati ohne Einreisegenehmigung die Elfenbeinküste nicht bereisen konnte, reiste er zunächst nach Ghana und schickte einen befreundeten Journalisten in das Nachbarland, um die Plantagen für ihn mit versteckter Kamera zu besuchen.
Die Initiative sourcetrust in Ghana erhebt den Anspruch, die Kakaobohnen über ein bestimmtes Barcode-System zur Plantage zurückverfolgen zu können und so eine Kontrolle darüber zu haben, wer, wo, wann und wie auf den Plantagen arbeitet. Man mag mit diesem System nachvollziehen können, woher die Kakaobohnen kommen, aber kann man damit auch kontrollieren, ob tatsächlich Kinder auf den Plantagen beschäftigt sind? Derzeit werden laut der Dokumentation gerade einmal 2% der Plantagen in Ghana über dieses System kontrolliert. Natürlich muss man irgendwann, irgendwo anfangen, aber dieser geringe Prozentsatz ist desillusionierend.

Die Stiftung International Cocoa Initiative, kurz ICI, wird von den großen Schokoladenherstellern finanziert und soll vor Ort Hilfsprojekte in Zusammenarbeit mit anderen karitativen Organisationen realisieren. Sprich: Schulen, Krankenhäuser und Brunnen bauen.
Wenn man die Reporter als Zuschauer zu diesen „Projekten“ begleitet, wird schnell klar, dass diese offenbar mehr dem Image der Hersteller dienen, als der tatsächlichen Sache.
Jene Projekte, die in dieser Dokumentation besucht wurden, wurden nicht einmal fertig gestellt. Es sieht so aus, als beginne man mit der Realisierung, macht ein paar tolle Fotos vom Spatenstich für die Imagemappe und verschwindet danach auf Nimmer Wiedersehen.

Ebenfalls beteiligt an „sozialen Projekten“ sind diverse „Gütesiegel“ Organisationen.
Wir kennen alle die vielen „Gütesiegel“, wie z.B. UTZ certified und Rainforest Alliance.
Sie suggerieren dem Verbraucher, dass er das Schokoladenprodukt beruhigt kaufen kann, da diese Organisationen dafür sorgen, dass keine Kinder auf den Plantagen zwangsarbeiten müssen.
Aber ist das tatsächlich so? Setzen die Plantagen die Vorgaben dieser Organisationen wirklich um? Wissen die Organisationen darüber Bescheid und dulden es vielleicht sogar?
Geworben wird in jedem Fall mit „nachhaltigem Kakao, ohne Kinderarbeit“.
Seltsam nur, dass die Reporter auf jeder Farm massenweise Kinder gefunden haben, die dort Kakaobohnen ernten.

Erst nachdem man sie über die heimlichen Filmaufnahmen der Hilfsprojekte an der Elfenbeinküste informierte, waren die Siegel-Organisationen bereit, für Mikis Dokumentation vor die Kamera zu treten. Das Ergebnis ist ernüchternd.
Jegliche Verantwortung wird auf „Partner vor Ort“ abgewälzt. Werden die Verantwortlichen mit den Filmaufnahmen konfrontiert, waren plötzlich „Kollegen“ im Unternehmen zuständig. Man hat zwar den Eindruck, dass einige der Herren aufrichtig berührt sind von den Bildern, allerdings ändert das nichts an ihren Aussagen. Man beteuert, dass man mit den Ergebnissen nicht zufrieden sei, dass Kinderarbeit ein untragbarer Zustand sei und dass man etwas dagegen unternehmen müsse.
Man gewinnt den Eindruck, dass die Verantwortlichen vielleicht bestürzt, aber nicht überrascht sind. ICI ist sogar „stolz“ auf die Arbeit, die sie leisten. Man spricht von Ausnahmen.
Man spricht davon, dass sensibilisierte Verbraucher gut sind, aber dass man auch als Organisation keine Garantie geben könne, dass alles menschenrechtlich korrekt abläuft.
Mir drängt sich nach dieser Aussage die Frage auf:
Wofür steht dann das Siegel der Organisation überhaupt?

Man spricht von komplexen Arbeitsvorgängen und langen Produktionswegen, die es schwierig machen, alle Vorgänge zu überwachen. Doch sollten die Einkäufer der Schokoladenindustrie nicht wissen, woher ihre Kakaobohnen kommen? Sollten sie nicht wissen, ob die Menschenrechte dort verletzt werden?

Es ist erschreckend, dass man als Verbraucher trotz diverser Gütesiegel keine Sicherheit haben kann, unter welchen Bedingungen die Kakaobohnen geerntet wurden.
Es ist erschreckend, dass auf den Plantagen Kinder arbeiten, damit wir zu günstigen Preisen Schokolade kaufen können. Ein Luxusgut.

Die komplette Reportage kann man derzeit in der ARD mediathek ansehen.
Allerdings gibt es keine Möglichkeit, das Video direkt einzubetten, die Reportage wird dort in ein paar Tagen/Wochen wieder vom Server genommen.

Nicht, dass mich hier jemand missversteht.
Ich sage nicht, dass nun jeder Verbraucher ab sofort aufhören muss, Schokolade zu kaufen.
Ich sage auch nicht, dass es in anderen Branchen besser läuft.
Gerade kürzlich ging es in den Nachrichten um eine abgebrannte Textilfabrik in Bangladesch, wo die Menschen ebenfalls ausgebeutet werden, damit man in Industrieländern günstige Kleidung kaufen kann. Ja, ich weiß, es geht den Kaffeebauern sicherlich nicht viel besser, genauso wenig wie den Zuckerbauern. Und ja: Wenn man diese Gedanken bis zu Ende denkt, dann käme man zu dem Schluss, dass man fast nichts mehr ohne schlechtes Gewissen einkaufen kann.

Jeder muss sich am Ende selbst eine Meinung bilden und entscheiden, welche Produkte im Einkaufswagen landen und welche nicht. Es gibt für jeden Einzelnen viele Gründe, warum man bestimmte Dinge kauft oder vielleicht sogar kaufen muss, da man selbst keine großen finanziellen Möglichkeiten hat.
Unsere Welt ist ein sehr komplexer Ort und es ist nicht meine Aufgabe, irgendwen zu bekehren.
Ich möchte euch deswegen bitten von Kommentaren abzusehen, die nichts zum eigentlichen Diskussionsthema beitragen. Anstoß für diesen Artikel war die Schokoladendokumentation, weswegen es sich primär auch um diese Problematik dreht. Das heißt nicht, dass mir nicht klar ist, dass es auch andere Felder gibt, auf denen es ähnliche Probleme gibt.

Ich bin auf jeden Fall dafür, dass man sich solche Dokumentationen ansehen und sich seine eigene Meinung bilden sollte. Wir haben hier die Möglichkeit, eine freie Entscheidung zu treffen. Ob ihr als Verbraucher etwas ändert, ist euch überlassen.
Und ich bin dafür, dass solche Berichte in Zukunft nicht mehr auf Sendeplätze um 22:45 Uhr verbannt, sondern zur prime time ausgestrahlt werden.

Vielen Dank, Herr Mistrati, dass Sie alle Unannehmlichkeiten und Risiken auf sich nehmen, um eine solche Dokumentation zu machen. Ich ziehe meinen Hut vor Ihrem Mut.

Ich werde in Zukunft definitiv bewusster beim Schokoladeneinkauf vorgehen, auch wenn ich weiß, dass man als Einzelperson die Welt nicht retten kann.

In diesem Sinne,
nachdenkliche Grüße
Eure
Signatur

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Written by Laura
liebt es in der Küche herumzuwurschteln, ganz besonders wenn es ums Backen geht. Glutenfrei seit Januar 2014, laktose- und weizenfrei seit September 2010.